Spionage-Affären 00-Jedermann
VON ANDREAS KRAFT
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Es war kein sonderlich guter Angriff. Der Lauscher hatte sein Werkzeug einfach nur im Hotelzimmer unter dem Sofa versteckt: Ein eingeschaltetes Babyfon. Wenig verwunderlich, dass die Sicherheitsleute von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking die Amateur-Wanze sofort ausfindig machten. Was die jüngste deutsche Spionage-Affäre so brisant macht, ist der Ort, an dem das Babyfon im November gefunden wurde: Das Hotel gehört nämlich dem Volkswagen-Konzern. Wiedeking übernachtete dort vor einer VW-Aufsichtsratssitzung. Seit Porsche Ende 2006 zum Hauptaktionär von VW wurde, gibt es einen regelrechten Machtkampf um die Strukturen der neuen Auto-Holding. In Wolfsburg interessieren sich wohl viele Menschen dafür, was der Porsche-Chef in vertraulicher Atmosphäre so bespricht. Porsche hat inzwischen Anzeige erstattet, die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt.
Unklar sind vor allem zwei Fragen: Wer war der Spion mit dem Babyfon? Und warum ging er derart dilettantisch vor? Immerhin kann man professionelle Abhör-Wanzen längst überall kaufen. Im Elektromarkt gibt es die klobigere Variante. Sie kostet rund 100 Euro und ist so groß wie eine Batterie. Spezial-Versandhäuser vertreiben über das Internet aber auch Profi-Minisender, nicht größer als ein Zuckerwürfel. Kostenpunkt: rund 400 Euro. Und das ist längst nicht alles. So genannte Spy-Shops führen fast alles, was der Durchschnittskonsument nur aus Agentenfilmen kennt. Wer dort stöbert, fühlt sich schnell, als sei er James Bond und zu Besuch bei dessen Spezialaustatter Q, um sich mit den neusten Agenten-Gadgets auszurüsten. Oder er bekommt Angst: Was der Nachbar wohl schon alles über mich weiß?
Für 899 Euro wird eine als Duftspender getarnte Überwachungskamera angeboten. Weil die Kamera nur anspringt, wenn sich im Raum etwas bewegt, soll man mit ihr monatelang aufzeichnen können. Muss man nun bei jedem Geschenk misstrauisch werden, das der Nachbar vorbeibringt?
Vielleicht ist er noch raffinierter – und hört Ihre Handy-Gespräche mit. Im Spy-Shop kann er nämlich auch einen GSM-Monitor kaufen. Das Gerät imitiert einen Mobilfunk-Sendemast, Ihr Handy würde sich bei ihm anmelden und der Hobby-Spion hätte alle nötigen Daten und könnte einfach mithören.
Zum Preis des Geräts heißt es auf der Webseite: nur auf Anfrage. Das hat seinen Grund. Anders als Minikameras, Peilsender und Abhörwanzen, dürfen GSM-Monitore in Deutschland nicht verkauft werden. Aber vielleicht hat Ihr Nachbar ja Bekannte in der Schweiz?
Der Spy-Shop Alarm.de verschickt die Spionage-Ausrüstung vom westfälischen Kirchlengern in jeden Teil Deutschlands. “Was meine Kunden damit machen, geht mich erst mal nichts an”, sagt Inhaber Michael Radtke. “Das sind ganz legale Produkte. Man kann ja auch mit einem Messer jemanden erstechen oder mit einem Backstein jemanden erschlagen.”
Nun lässt sich mit einem Messer aber auch Brot schneiden und mit einem Backstein ein Haus bauen. Aber was macht man mit einer Abhörwanze? “Es gibt keine legale Möglichkeit, so eine Wanze einzusetzen”, sagt Klaus Dieter Matschke. Der Frankfurter ist Pressesprecher des Bundes Internationaler Detektive. Hauptberuflich berät er Unternehmen in Sicherheitsfragen. Zusammen mit einem Spezialteam der Telekom spürt er dabei hin und wieder auch Wanzen auf. Vorm Nachbarn müsse man sich in der Regel aber nicht fürchten, sagt Matschke. Im Privatleben sei Spionage eine Ausnahmeerscheinung. “Es gibt Einzelfälle, in denen sich Eheleute mit Wanzen belauschen”, sagt er, “in der Regel werden Wanzen aber für Industriespionage eingesetzt.” Bei großen Firmen würden die Konferenzräume daher regelmäßig nach Wanzen durchsucht. Und bisweilen würden tatsächlich auch welche gefunden.
Sprechen mag darüber aber niemand. “Von so etwas habe ich noch nie gehört”, sagt ein Sprecher der Deutschen Bank. “Und wenn, würde ich es auch nicht kommunizieren.” Bei Daimler heißt es, man sei sich des Themas bewusst, über Sicherheitsfragen rede man aber generell nicht öffentlich. Die Commerzbank bestätigt immerhin, regelmäßig nach Wanzen zu suchen. “Wir sagen aber nichts zu Abständen, Verfahren und ob wir dabei etwas finden”, sagt ein Sprecher.
Aber was passiert dann mit all dem Spionage-Werkzeug? Schließlich erklärt Spy-Shop Inhaber Radtke, er verkaufe im Jahr rund 3000 Wanzen. Und offenbar wird Belauschen immer beliebter: Radtke sagt auch, dass seine Umsätze steigen. Meist seien die Kunden Firmen, die mit der Spitzel-Ausrüstung “ihren wirtschaftlichen Interessen nachgehen”. Damit er gezielter um mögliche Käufer werben kann, hat Radtke auch mal eine Strichliste geführt, aus welchen Branchen seine Kunden kommen. “Da kam aber nichts bei raus. Das ist wirklich bunt gemischt. Vom Notar über den Bauern bis zum Bäcker.”
Anders als Detektiv Matschke kann sich Spionbedarfs-Händler Radtke eine Menge Situationen vorstellen, in denen Privatleute auf sein Sortiment zurückgreifen. Mit einer Wanze könne man etwa kontrollieren, ob das Baby ruhig schläft, einen Peilsender könne man Heranwachsenden mitgeben, wenn sie allein losziehen.
Doch meist, das meint auch Radtke, geht es um viel Geld. “Wenn ein Unternehmer weiß, dass ein Mitarbeiter Geld unterschlägt, kann er mit einer Wanze Beweise sammeln.” So argumentieren ja auch die Verantwortlichen bei Lidl, Rewe oder Schlecker: Als bekannt geworden war, dass die Firmen Protokolle über private und intime Details aus dem Leben der Mitarbeiter geführt hatten, rechtfertigten sie sich damit, sie hätten die Geheim-Kameras nur installiert, um die Angestellten dabei zu beobachten, wie sie den Arbeitgeber beklauen.
Generell rät Radtke seinen Kunden aber, sich von einem Anwalt darüber beraten zu lassen, was legal ist. Denn auch in den eigenen vier Wänden dürfe man nicht jedes Gespräch einfach so belauschen. Privat gesprochene Worte – dazu gehören auch geschäftsbezogene Unterhaltungen – stehen unter einem besonderen Schutz. Wer sie abhört, kann dafür ins Gefängnis wandern. Doch das Risiko, erwischt zu werden, sei gering, sagt Ansgar Huth. Auch er verdient sein Geld mit der Lauschabwehr in Unternehmen aller Art. “Wanzen sind schnell versteckt, der Täter lässt sich schwer ermitteln, aber der mögliche Gewinn ist enorm”, sagt er. Etwa bei Termingeschäften, Aktienspekulationen oder in Verkaufsverhandlungen. Die Investitionkosten – in mittlerer Preislage rund 400 Euro – seien da verschwindend gering.
Verlässliche Zahlen zu den kleinen Lauschangriffen gibt es aber weder bei Bundeskriminalamt Noch beim Verfassungsschutz oder dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Sicher ist daher nur, dass es einen Markt für Wanzen gibt und einen Markt für Experten, die danach suchen. Klaus Dieter Matschke etwa fand einmal eine Wanze in der Schreibtischlampe eines Vorstandsvorsitzenden.
In Absprache mit dem belauschten Unternehmen ließ er die Wanze weiter laufen und streute gezielt falsche Informationen. So gelang es ihm, den Angreifer zu identifizieren. Es war die Konkurrenz. Die Chefs der beiden Firmen setzten sich an einen Tisch, der Angreifer ersetzte dem Belauschten den entstandenen Schaden und beide einigten sich, nicht mehr über die Sache zu sprechen. Offenbar ist es einerseits illegal zu lauschen, aber andererseits peinlich, belauscht zu werden.
So wollte wohl auch Porsche die Sache mit dem Babyfon-Angriff aus der Welt schaffen: Der Porsche-Chef spielte – wie gestern bekannt wurde – den Lockvogel und streute per Babyfon Falschinformationen, um die Hintermänner so zu enttarnen. Doch ohne Erfolg. Porsche fand nur einen Verdächtigen, den mutmaßlichen Spion. Es handelt sich um den Mitarbeiter der Sicherheitsfirma des Hotels. Seine Auftraggeber sind nach wie vor unbekannt.
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