Deutsche Unternehmen werden ausspioniert, zeigen dies aber selber den Behörden selten an. Spionage und Sabotage durch fremde Nachrichtendienste könnte ganze Wirtschaftszweige lahm legen. Oliver Schonschek sprach mit Verfassungsschützern in Stuttgart
„Ihr Handy legen Sie bitte ins Schließfach“, sagt der Pförtner am Eingang des Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Württemberg in Stuttgart.
„Seit es Kamera-Handys mit einer Auflösung von fünf Megapixel und mehr gibt, braucht man keine besondere Ausrüstung mehr, um vertrauliche Dokumente möglichst unbemerkt zu fotografieren“, sagt Karl-Friedrich Fecht von der Abteilung Spionageabwehr, Geheim- und Sabotageschutz, der zusammen mit Harald Woll, Leiter dieser Abteilung des Stuttgarter Verfassungsschutzes, in dem Konferenzraum auf mich wartet.
„Immer mehr Firmen und Behörden verbieten das Mitführen eines Handys“, so Fecht weiter. „Die heimlichen Aufnahmen können vom Handy ins Internet übertragen oder an ein anderes Handy weitergeleitet und direkt anschließend wieder gelöscht werden. Dies macht deutlich, dass der Nachweis für Wirtschaftsspionage zunehmend schwieriger wird. Der Informationsschutz erlebt zur Zeit einen massiven Umbruch“, beschreibt Harald Woll die aktuelle Situation.
Attacke durch „China-Trojaner“ hält anWährend noch gewisse Maßnahmen gegen die Spionage mit Kamera-Handys Erfolg versprechend sind, läuft die Trojaner-Attacke, die auch das Kanzleramt heimgesucht hatte, unvermindert weiter. „Das ist eine ganz neue Form von Spionageangriffen“, erklärt Fecht. Die Herkunft dieser Trojaner sei nicht bewiesen, dennoch gebe es viele Hinweise, die auf Täter aus der Volksrepublik China hindeuten.
Ganze Lawinen von E-Mails mit diesen Trojanern würden seit geraumer Zeit Internetnutzer in Deutschland und verschiedenen anderen Nationen erreichen. Nicht nur die Anzahl der Trojaner-Mails ist enorm, auch die damit verbundene Arbeit. „Hier geht es nicht um Einzeltäter oder eine kleine Gruppe. Die E-Mails sind sehr professionell gestaltet und werden nach den Techniken des Social Engineering erstellt.
Der Empfänger wird also ganz gezielt angesprochen und mit vertrauenserweckenden Informationen dazu veranlasst, eine der E-Mail beigefügte Datei zu öffnen. Hierdurch wird dann der im Anhang enthaltene Schadcode ausgeführt, welcher nicht nur der Datenspionage, sondern auch der Sabotage dienen kann“, schildert Fecht.
Noch keine Abwehr möglich
„Man kann den Empfängern nicht einmal einen Vorwurf machen. Die Täuschung ist wirklich gut. So wird zum Beispiel bei einer dem Empfänger bekannten E-Mail-Adresse nur ein Buchstabe getauscht, um die Attacke zu vertuschen. Anti-Malware-Programme haben bislang wenig Chancen, diesen Trojaner zu entdecken. Außerdem wird er variiert“, so der Verfassungsschützer Karl-Friedrich Fecht.
Ob sich wirklich ein staatlicher Nachrichtendienst hinter dieser Attacke verbirgt, ist nicht klar. Warum jedoch ein Land wie China, das das Internet umfassend im eigenen Land kontrolliert, bislang nichts dagegen unternehmen konnte, ist ebenso unklar.
„Als Grundlage für einen Angriff reicht prinzipiell schon die einfachste Form des Social Engineering, das Sammeln und Auswerten von Visitenkarten mit E-Mailadresse“, meint Harald Woll. „China selbst hat erklärt, ebenfalls angegriffen zu werden. Chinesische Wissenschaftler protestieren zur Zeit gegen die Behauptung, dass Praktikanten, Studenten und Gelehrte aus ihrem Land den Aufenthalt in Deutschland für Spionagezwecke missbrauchen“, so Woll weiter.
Keine Praktikanten mehr aus Fernost?
Ob ein deutsches Unternehmen Praktikanten aus Fernost annimmt oder nicht, ist für Harald Woll eine Frage der Firmenphilosophie. „Wenn ein China-Engagement geplant wird und dafür Führungskräfte ausgebildet werden sollen, die sich in dem Land auskennen, kann es eine Option sein, Praktikanten aus China einzustellen.
Das muss jede Firma im Rahmen ihres Risikomanagements für sich entscheiden“, erklärt Woll. Insbesondere Firmen, die dem Geheimschutz unterliegen oder für die Infrastruktur Deutschlands von großer Bedeutung sind, erhalten eine umfassende Beratung und Unterstützung durch den Verfassungsschutz. „Unter besonderen rechtlichen Bedingungen können Personenchecks durchgeführt werden. Selbst Nachrichtendienste, die Spione in Unternehmen einschleusen wollen, machen gelegentlich Fehler“, macht Woll deutlich.Unternehmen, die nicht dem Geheimschutz unterliegen, können ebenfalls um Unterstützung durch den Verfassungsschutz bitten. „Wir helfen im Rahmen unserer rechtlichen und personellen Möglichkeiten. Die Konkurrenzausspähung durch andere Unternehmen ist allerdings kein Fall für den Verfassungsschutz, hier ist die Polizei zuständig“, erklärt Woll den Unterschied zu der Abwehr staatlicher Spionagedienste.
Betroffene Unternehmen reagieren oft falsch
Mehr als zwei Drittel aller Unternehmen in Baden-Württemberg waren bereits Opfer eines „unfreundlichen Informationsabflusses“, wie es eine Studie der Universität Lüneburg für das Sicherheitsforum Baden-Württemberg umschreibt. Dennoch investieren kleine innovative Unternehmen mit großem Wettbewerbsvorteil nur etwa 0,1 Prozent des Umsatzes in ihre Sicherheitsmaßnahmen.
Fast jedes zweite Unternehmen, das einen Schaden durch einen Spionageangriff erlitten hat, macht keine Anstrengungen, um gegen diese Attacken vorzugehen. „Viele Unternehmen glauben, sie hätten kein Know-How, das andere interessieren könnte. Andere meinen, ihr Entwicklungsvorsprung sei Schutz genug.
Wenn es dann doch zu einem Angriff kommt, fürchtet man die negative Presse und den Imageverlust, und schaltet deshalb nur in etwa 10% der Fälle die Sicherheitsbehörden ein. Wir können die Unternehmen nur zu einem schnellen Umdenken ermahnen, denn die Gefahr durch Spionage und Sabotage ist nicht zu unterschätzen“, warnt Woll eindringlich.
Offenheit kann gefährlich sein
Gerade Universitäten und Forschungseinrichtungen sind ebenfalls Ziele staatlich gelenkter Spionageangriffe. Deshalb berät der Verfassungsschutz Baden-Württemberg ganz gezielt auch diese Einrichtungen. „Die Wissenschaftsspionage ist seit jeher eine beliebte Methode, um in einem möglichst frühen Entwicklungsstadium an Informationen und Know-how zu gelangen. Bei der Ausspähung wird nicht selten die grundgesetzlich garantierte Freiheit der Wissenschaft bewusst missbraucht. Mehrere aktuelle Vorfälle in wissenschaftlichen Einrichtungen unterstreichen dies.
Wir weisen immer wieder auf diese Gefahren hin, weil darunter langfristig nicht nur die Kompetenz der betroffenen wissenschaftlichen Einrichtung leiden könnte, sondern durch das Ausbleiben von Rückflüssen aus der wirtschaftlichen Umsetzung der häufig von staatlicher Seite finanzierten Forschungsergebnisse auch volkswirtschaftliche Nachteile zu befürchten sind. Hier sind ganz klar Abwehr- und Schutzmaßnahmen gegen fremde Nachrichtendienste notwendig“, ist Woll sich sicher.
Vom Gespräch im Zug bis zur Verschlüsselung
Die Möglichkeiten, ein Unternehmen oder eine Universität auszuspionieren, sind mehr als vielfältig. „Das reicht von offenen Quellen wie dem detaillierten Internetauftritt über Personensuchmaschinen im Web, das einfache Mithören von Mitarbeitergesprächen während einer Zugfahrt oder in einer Kneipe nahe der Firma.
Es schließt den Unternehmensberater oder Dolmetscher ein, der Zugang zu vielen Unternehmen und Dokumenten hat, bis hin zu Auslandsniederlassungen, die schlechter geschützt sein können als die Zentrale selbst, und zu manipulierten Firmware-Updates für Handys, die einen Lauschangriff möglich machen“, beschreibt Fecht die grosse Bandbreite der Spionageangriffe.
Eine besondere Bedeutung für die potenzielle Bedrohung von Auslandsniederlassungen habe die Einschränkung der Möglichkeiten zur Verschlüsselung. „Viele Staaten regulieren die Einfuhr und den Export von Verschlüsselungsverfahren und -produkten. Oftmals hat man dann keine andere Möglichkeit, als Hardware und Software aus dem Land selbst zu nutzen.
Die leistet auch gute Arbeit und sorgt für eine Verschlüsselung. Nur, was passiert mit dem Klartext vor der Verschlüsselung? Gibt es eine Hintertür, die in solche Systeme eingebaut wurde?“, sensibilisiert Verfassungsschützer Fecht. „Gerade bei Hardware-Verschlüsselung ist es selbst Experten kaum möglich zu sehen, was da genau passiert.“
Datensabotage als Information WarfareIn Zukunft könnte die Bedeutung der Datensabotage gegenüber der reinen Spionage zunehmen. „Bislang gibt es keinen konkreten Fall. Aber viele Staaten verfügen über Konzepte für einen Information Warfare. Der klassische Krieg könnte zunehmend virtuell geführt werden. Russland und China haben ganz offensive Pläne, die USA dagegen sind sowohl für die Abwehr als auch für die Offensive aufgestellt, die Bundesrepublik plant rein präventiv“, so Fecht.
„Einen Sabotageangriff kann man sich so vorstellen, dass über einen Trojaner eine Backdoor, also eine Hintertür, in ein Computersystem eingebaut wird, mit der Datenbestände gezielt verändert, gelöscht oder Systeme lahm gelegt werden können. Eine Datensicherung ist leider kein Schutz dagegen, denn die Malware wird mitgesichert.“
Das Ziel eines solchen virtuellen Sabotageangriffs sei jedoch nicht einfach das Internet. „Ein solcher Sabotageanschlag würde sicherlich nicht nur dem Internetzugang gelten, so dass man schnell auf Mobilfunklösungen ausweichen könnte, wie manche Anbieter versprechen. Vielmehr würde man versuchen, die Energieversorgung zu treffen. Dann geht auch kein Mobilfunk mehr“, kennzeichnet Fecht das Bedrohungspotenzial.
Spionage- und Sabotageabwehr scheint unwichtigNach dem Gespräch mit Woll und Fecht blättere ich in den Verfassungsschutzberichten 2006 für Baden-Württemberg und ganz Deutschland. Dem Thema Geheimschutz, Spionageabwehr und Sabotage wird dort eine vergleichsweise geringe Beachtung geschenkt. Weniger als 20 beziehungsweise 30 Seiten berichten über dieses Gebiet des Verfassungsschutzes bei einem Gesamtumfang des Berichtes von rund 300 bis 400 Seiten.
Der politischen Führung des Verfassungsschutzes scheint das Thema Geheimschutz im Vergleich zu politisch motivierter Kriminalität, Rechts- und Linksextremismus und Islamismus offensichtlich nicht wichtig genug. Die Schilderungen der Datenspionage und -sabotage gegen Deutschland haben mir einen anderen Eindruck vermittelt.
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| Quelle: Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg |